Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V.
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"Es hagelt Stornierungen" - Zeit-Online Interview mit Ingrid Hartges

Für die Gastronomie ist der Dezember der wichtigste Monat. Doch die steigenden Inzidenzen machen das Weihnachtsgeschäft zunichte, sagt Ingrid Hartges vom Dehoga.

Gerade lief es für Restaurants und Hotels wieder gut. Doch angesichts steigender Corona-Inzidenzen zögern viele, sich in gut gefüllte Lokale zu setzen. Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, erklärt, was das für ihre Branche bedeutet.

ZEIT ONLINE: Frau Hartges, werden in der Gastronomie schon reihenweise die Weihnachtsfeiern abgesagt, weil die Gäste Angst haben vor den steigenden Inzidenzen?

Ingrid Hartges: Es hagelt Stornierungen. Die Infektionslage ist einer der Gründe, die von den Gästen genannt werden, und die verschärften Zugangsregeln. In unserer aktuellen Branchenumfrage geben neun von zehn Betrieben an, dass Weihnachtsfeiern storniert wurden. Ein Gastronom schrieb mir, dass bei ihm schon 67 Weihnachtsfeiern abgesagt worden sind. Dabei hatte die Branche so auf die letzten Wochen dieses Jahres gehofft, nachdem im letzten Jahr das Weihnachtsgeschäft komplett ausgefallen war. Der Dezember ist eigentlich in vielen Restaurants der umsatzstärkste Monat. Jetzt wachsen wieder Frust und Sorgen, gerade in den Bundesländern, wo die Infektionslage angespannt ist.

 ZEIT ONLINE: Verzeichnen die Betriebe bereits sinkende Umsätze?

Hartges: Die Ausgehfreude, die wir noch im September erleben durften, lässt deutlich nach. Die Umsatzverluste nehmen wieder zu, das haben wir in einer aktuellen Dehoga-Umfrage ermittelt. In den ersten beiden Novemberwochen lag das Minus bei 28 Prozent gegenüber 2019, dem Jahr vor der Krise.

ZEIT ONLINE: Die Ministerpräsidentenkonferenz hat sich auf strengere bundesweite Corona-Maßnahmen für die kommenden Wochen geeinigt. Überschreitet die Hospitalisierungsrate den Grenzwert drei, gilt flächendeckend die 2G-Regel unter anderem für Restaurants, Hotels und Veranstaltungen. Wie finden Sie das?

Hartges: In einigen Bundesländern galt bereits 2G. Viele Gäste bringen dafür auch Verständnis auf. Jetzt geht es darum, die Regelung sorgfältig und konsequent umzusetzen. 2G ist besser als ein Lockdown. 

ZEIT ONLINE: Faktisch wird ein Teil Ihrer Kundschaft ausgeschlossen, wenn 2G greift.

Hartges: 2G haben wir uns nicht gewünscht. Wir sind Gastgeber. Es liegt in unserer Natur, Menschen zu empfangen und nicht auszuschließen. Und dennoch ist 2G jetzt in dieser Situation der steigenden Corona-Fallzahlen besser als eine erneute Schließung. 57 Millionen Menschen sind bereits geimpft und haben ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung geleistet.

ZEIT ONLINE: Wenn der Schwellenwert sechs bei der Hospitalisierung überschritten wird, soll 2G plus insbesondere für Clubs und Bars gelten. Geimpfte und Genesene müssen zusätzlich einen Test vorlegen. Was halten Sie davon?

Hartges: Das ist hart. 2G plus ist eine zusätzliche hohe Hürde für einen Besuch in einer Disco oder einer Bar. Ein spontaner Drink in einer Bar ist so nicht mehr möglich. Mit 2G plus wäre die Gefahr groß, dass unsere Betriebe so geringe Umsätze hätten, dass sich die Öffnung nicht mehr lohnt. Das empfinden die Unternehmer als einen Lockdown durch die Hintertür.

ZEIT ONLINE: In vielen Lokalen wird oft nur lasch oder gar nicht kontrolliert. Wie geht die Branche mit den Anforderungen um, die an sie gestellt werden?

Hartges: Wir appellieren an alle Unternehmen, die Zugangsbeschränkungen konsequent zu kontrollieren. Die Betriebe, die sich nicht daran halten, bringen unsere Branche in Misskredit. Es müssen jetzt alle Gastronomen solidarisch miteinander sein. Das ist extrem wichtig, weil nur so die Akzeptanz unter den Gästen steigt. Wenn die Menschen überall ihren Nachweis vorlegen müssen, können die nicht darauf verweisen, dass nebenan nicht kontrolliert werde. Bei Verstößen drohen empfindliche Bußgelder von bis zu 5.000 Euro, das hat am Freitag Ministerpräsident Hendrik Wüst für NRW angekündigt.

ZEIT ONLINE: Die Gastwirte müssen sich herumschlagen mit Impfskeptikern und Maskenverweigerern. Verschiebt die Politik zu viel Verantwortung auf das Gastgewerbe?

Hartges: Es ist schon heftig, was die Betriebe teilweise an Beschimpfungen erleben. Restaurants oder Kneipen bekommen negative Bewertungen oder online einen Shitstorm, wenn sie auf die Regeln achten. Das gehört sich nicht. Man muss doch Respekt zeigen für die vielen Beschäftigten und Unternehmer des Gastgewerbes, die bereits neun Monate seit März 2020 im Lockdown waren.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für einen Fehler, dass die noch geschäftsführende Bundesregierung und Kanzlerin Angela Merkel eine Impfpflicht kategorisch ausgeschlossen haben? 

Hartges: Es liegt nicht in unserer Kompetenz und Verantwortung, eine solch schwierige Entscheidung zu treffen. Das ist ganz klar Aufgabe der Politik. Wie in der Gesellschaft gibt es dazu in unserer Branche unterschiedliche Auffassungen.

ZEIT ONLINE: Wie gehen die Betriebe damit um, wenn Personal ungeimpft ist und die 2G-Regel gilt?

Hartges: Das ist ein großes Problem. In Hamburg zum Beispiel haben die Betriebe ja schon länger die Wahl, sich für die 2G-Regel zu entscheiden. Das gilt dann auch für die Mitarbeiter. In Bayern, wo aktuell die 2G-Regel gilt, müssen die ungeimpften Beschäftigten entweder zweimal wöchentlich einen PCR-Test machen oder täglich einen Antigen-Schnelltest vorlegen. Wir haben ohnehin schon einen Fachkräftemangel in unserer Branche. Das macht die Lage nicht einfacher. Es ist notwendig, dass der Arbeitgeber zum Impfstatus der Beschäftigten ein Fragerecht hat beziehungsweise eine Auskunftspflicht besteht.

ZEIT ONLINE: Ärgern Sie sich über den RKI-Präsidenten Lothar Wieler, der sagt, man soll in Erwägung ziehen, "in besonders belasteten Regionen Bars oder Clubs zu schließen"? Den Bürgern rät er, Kontakte zu reduzieren. Er werde selbst auch keine Silvesterparty besuchen. 

Hartges: Ich bin mit dieser Situation seit 20 Monaten konfrontiert. Natürlich gefällt mir nicht alles, was dort gesagt wird. Aber Herr Wieler macht seinen Job und hat einen anderen Blick auf die Dinge als wir. Die zuständige Politik ist gut beraten, dass man intensiver als bisher in der Pandemie hinschaut und prüft, ob die jeweiligen Maßnahmen verhältnismäßig sind, ob sie geeignet und notwendig sind. Wir haben massive Grundrechtseingriffe erlebt. Es ist gut, dass die notwendigen Debatten dazu wieder im Bundestag stattfinden, wie wir sie am Donnerstag erleben durften.

ZEIT ONLINE: Was ist schlimmer: Empfehlungen wie diese, die für weniger Umsatz in Ihrer Branche sorgen, oder Verbote, die aber mit Corona-Hilfen verbunden sind?

Hartges: Die neun Monate Lockdown waren emotional eine große Herausforderung. Unternehmer und Mitarbeiter wollen arbeiten. Hilfen mindern zwar die existenziellen Ängste, sie waren richtig und konsequent, aber sie mindern bei vielen nicht den Frust über das Berufsverbot und die großen Sorgen, weitere Mitarbeiter zu verlieren.

ZEIT ONLINE: Welche Hilfen erwarten Sie von der neuen Regierung?

Hartges: Es ist gut, richtig und nur konsequent, dass die aktuelle Überbrückungshilfe nach den aktuellen Beschlüssen um drei Monate bis zum 31. März verlängert werden soll. Die Überbrückungshilfe ersetzt klar definierte Fixkosten bei einem Umsatzrückgang von mindestens 30 Prozent. Generell muss man sagen: Ohne die Hilfen hätten 50.000 bis 70.000 Unternehmen nicht überlebt. Es wäre schlimm, wenn unsere Betriebe jetzt auf den letzten Metern im Stich gelassen würden.

ZEIT ONLINE: Nach den Plänen der Ampel-Parteien soll es nicht mehr möglich sein, Gastronomie und Hotellerie zu schließen. Wenn Ihnen diesmal keine Schließungen drohen, warum sollte dann ein Anspruch auf Hilfen bestehen?

Hartges: Die Überbrückungshilfen setzen einen Umsatzrückgang von 30 Prozent voraus. Sie müssen berücksichtigen, dass die Tagungshotels, Eventcaterer und Betriebsrestaurants auch seit Wiedereröffnung deutlich mehr als 30 Prozent Umsatzverluste zu verzeichnen haben. Aktuell kommen die beschlossenen verschärften Zugangsregelungen hinzu. Dort, wo sie bereits galten, führen sie und die aktuelle Corona-Entwicklung bereits jetzt zu erheblichen Einbußen.

ZEIT ONLINE: Wie angespannt ist die finanzielle Lage bei den Betrieben allgemein?

Hartges: Die Lage ist extrem angespannt. Von Januar bis September setzten die gastgewerblichen Unternehmer nach Angaben des Statistischen Bundesamts real 44,9 Prozent weniger um als im Vorkrisenjahr 2019. Gegenüber 2020 beträgt das Minus 17,7 Prozent. Im zweiten Jahr der Pandemie sind die Konten leer, die Rücklagen aufgebraucht. Zugleich müssen Kredite getilgt werden, Stundungen sind fällig. Erschwerend kommen nun die angekündigten Corona-Verschärfungen hinzu. Die Existenzsorgen im Gastgewerbe werden wieder größer.

ZEIT ONLINE: War es wenigstens ein guter Sommer – vor allem für jene, die Außengastronomie und Ferienhotels haben?

Hartges: Im Juni lag der Umsatzrückgang im Vergleich zu 2019 noch bei 38 Prozent. Ab Juli sind die Zahlen deutlich besser geworden. Im August waren es minus zehn Prozent. Insgesamt hatten wir nach Zahlen des Statistischen Bundesamts von Januar bis zum 31. August ein Umsatzminus von fast 50 Prozent. Für September und Oktober haben wir noch keine Zahlen, aber gefühlt lief es in der Mehrzahl der Betriebe bis Ende Oktober gut. Dies gilt für die Betriebe mit guter touristischer und privater Nachfrage. Ganz anders sieht die Situation der Tagungshotels, Eventcaterer und Betriebsrestaurants aus.

ZEIT ONLINE: Viele Servicekräfte sind während der Pandemie in andere Branchen gewechselt, in den Sommermonaten suchten Hoteliers und Wirte verzweifelt nach Personal. Was bedeutet die neue Unsicherheit für den Fachkräftemangel?

Hartges: Der Fachkräftemangel ist und bleibt ein Problem. Übertarifliche Entlohnung ist vielfach notwendig, um Mitarbeiter zu bekommen und zu halten. Im Laufe des Sommers ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in unserer Branche wieder auf über eine Million gestiegen. Das sind immer noch neun Prozent weniger als vor der Pandemie. In der Spitze, als die Kurzarbeit dominierte und sich viele in anderen Branchen etwas gesucht haben, waren wir bei minus 20 Prozent. Ich freue mich, wenn mir erzählt wird, dass Mitarbeiter zurückgekommen sind. Es macht halt einen riesigen Unterschied, ob Sie Regale ein- oder ausräumen oder Gäste glücklich machen.

Das Interiview finden Sie hier auf Zeit Online.