Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V.
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Ingrid Hartges: „Es geht um die Zukunftssicherung der Branche“

Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführererin des Dehoga Bundesverbands, spricht mit ahgz-Redakteurin Isabel Diez über das Pandemie-Management, die Folgen für das Gastgewerbe und die kommende Bundestagswahl.

Für die Pandemiebekämpfung fordert RKI-Chef Lothar Wieler das Beibehalten der 7-Tage-Inzidenz als Leitindikator. Das hätte wieder massive Konsequenzen für die Branche. Wie stehen Sie zu solchen Aussagen? Die alleinige Ausrichtung der Corona-Maßnahmen am Inzidenzwert ist im 18. Monat der Pandemie nicht mehr sachgerecht. Mehr als jeder zweite Deutsche ist geimpft. Die Impfquote bei den Über-60-Jährigen liegt bei über 75 Prozent. Bei der Beurteilung der Infektionslage müssen zwingend die Impfquote, die Hospitalisierungsrate und die Auslastung der Intensivstationen berücksichtigt werden.

Rechnen Sie mit einer Abkehr von einer Politik die sich maßgeblich an der 7-Tage-Inzidenz orientiert? Immer mehr Politiker und Experten sprechen sich richtigerweise für einen Mix der Indikatoren als Grundlage für die Corona-Maßnahmen aus. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch. Die alleinige Ausrichtung am Inzidenzwert für die massive Einschränkung der Freiheitsrechte ist unserer Ansicht sogar rechtswidrig. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen zudem, dass trotz Aufhebung nahezu aller Corona-Maßnahmen bei dennoch hohen Inzidenzwerten die Hospitalisierungsrate vergleichsweise niedrig geblieben ist. Wir benötigen eine permanente Evaluierung der Corona-Maßnahmen, die sich sowohl auf die laufenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ergebnisse als auch auf die Geeignetheit und Erforderlichkeit der Maßnahmen stützt.

Die Branche braucht Planungssicherheit und Perspektive. Was muss mit Blick auf die nächste Bund-Länder-Konferenz am 10. August passieren? Wir erwarten, dass am 10. August die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass alle Betriebe unserer Branche dauerhaft geöffnet bleiben. Einen erneuten Lockdown mit verheerenden Folgen für unsere Branche – wie für die Gesellschaft insgesamt – darf es nicht mehr geben. Im 18. Corona-Monat liegen nicht nur vielfältige und wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse vor, sondern stehen mit Impfungen und Testungen auch wirkungsvolle Instrumente zur Bekämpfung der Pandemie zur Verfügung. Es muss deshalb alles dafür getan werden, um die Impfquote weiter zu steigern. Aufklärung und Werbung für Impfungen sind zu intensivieren. Impfangebote müssen unbürokratisch und niedrigschwellig für alle Bürger geschaffen werden. Mehr denn je gilt es zudem, die Verhältnismäßigkeit jeder einzelnen Corona-Maßnahme sorgfältig zu prüfen. Ist die Maßnahme nicht verhältnismäßig, ist sie verfassungswidrig. Abgesehen davon ist unstrittig, dass die Akzeptanz für das Pandemie-Management erheblichen Schaden nimmt, wenn Gerichte aufgrund von Klagen die Regelungswerke immer wieder aufheben. Von der Bevölkerung wie von der betroffenen Wirtschaft werden die Corona-Maßnahmen zunehmend kritisch hinterfragt.

Das Beibehalten der bisherigen Corona-Politik hätte harte Konsequenzen, einige Folgen lassen sich durch Finanzhilfen nicht mehr auffangen … Korrekt. Hinzu kommt: So wichtig und konsequent die Hilfszahlungen an unsere Betriebe gewesen sind, Geld ist in diesem Fall nicht alles. Die Gastronomen und Hoteliers wollen wieder durchstarten, sie wollen wieder Mitarbeiter einstellen und in ihre Betriebe investieren. Sie sind Unternehmer und Gastgeber. Nicht nur die finanziellen Ausfälle waren extrem, auch die psychischen und emotionalen Folgen. Gleiches gilt für unsere 2,2 Millionen Beschäftigten. Die Corona-Folgen für den gastgewerblichen Arbeits- und Ausbildungsmarkt insgesamt sind bereits heute dramatisch. 154.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (Stand April 2021) hat das Gastgewerbe seit Beginn der Pandemie verloren, das entspricht 15 Prozent.

Was muss passieren, damit sich die Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt nicht weiter verschärft? Entscheidend ist jetzt, dass die Politik für dauerhafte Öffnungen sorgt und unserer Branche, Unternehmern wie Mitarbeitern, wieder Perspektiven gibt. Es geht um die Zukunftssicherung der Branche. Gegenüber anderen Branchen hat unsere Branche jede Menge Pluspunkte. Kaum eine Branche ist so spannend und facettenreich wie das Gastgewerbe. Hinzukommt der Kontakt und die Kommunikation mit den Gästen, wie aber auch die Arbeit im Team. Die Herausforderung heißt mehr denn je, Mitarbeiter binden und neue finden. Dabei kommt es mehr denn je darauf an, den Beschäftigten gegenüber Respekt und Wertschätzung zu zeigen – dazu zählt auch eine angemessene Vergütung. Eine gute Kommunikation und ein vertrauensvolles, angenehmes Betriebs- und Arbeitsklima sind enorm wichtig.

Die Debatte, wie sie derzeit um die Corona-Politik geführt wird ist für die Gastgeber, die so lange durchgehalten haben und versuchen, wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden, frustrierend. Was ist zu tun? Von zentraler Bedeutung ist es deshalb, wer nach der Bundestagswahl am 26. September die politische Verantwortung trägt. In unserem Dehoga-Wahlcheck haben wir die zentralen Handlungsfelder zur Zukunftssicherung der Branche definiert und die konkreten Erwartungen der Hoteliers und Gastronomen formuliert. Ganz oben auf unserer Agenda stehen die Entfristung der Mehrwertsteuersenkung unter Einbeziehung der Getränke und der Eintrittsgelder in Clubs und Discotheken, die Entlastung und Unterstützung der Arbeitgeber und Ausbilder, konsequenter Bürokratieabbau, faire Wettbewerbsbedingungen auch in der digitalen Welt sowie eine praxis- und kostenverträgliche Energie- und Klimapolitik. Unternehmertum und Wachstum müssen wieder möglich sein. Bestehende Belastungen für die Unternehmer müssen abgebaut, neue unbedingt vermieden werden. Die Antworten der Parteien und Kandidaten, die wir auf unsere Dehoga-Wahlcheck-Liste erhalten, werden wir Anfang September in Form einer Synopse auf unserer Website veröffentlichen. Damit die Branche weiß, wer in dieser schweren Zeit an ihrer Seite steht. (Stand: 3. August)


Das AHGZ-Interview finden Sie auch hier.